Branchen-Studie: Wege in die Zukunft

BRANCHEN-STUDIE: WEGE IN DIE ZUKUNFT
DEUTSCHE CHEMIE KANN
BIS 2050 NACHHALTIG WACHSEN

Die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie befindet sich am Beginn eines weitreichenden Strukturwandels. Das ist das Ergebnis einer Langfrist-Analyse, die der VCI in Kooperation mit dem Forschungsinstitut Prognos erstellt hat. Die Studie „Wege in die Zukunft – Weichenstellung für eine nachhaltige Entwicklung in der chemisch-pharmazeutischen Industrie“ zeigt die Perspektiven von Deutschlands drittgrößtem Industriezweig für die kommenden drei Jahrzehnte auf. Das Ergebnis: Bei richtiger Weichenstellung kann die Branche bis 2050 nachhaltig wachsen.

Die Welt wird sich in den kommenden Jahrzehnten grundlegend verändern. Unternehmen aller Branchen suchen nach Strategien, wie sie sich erfolgreich auf die neue Zeit einstellen können. Auch die Chemie- und Pharmaindustrie steht vor fundamentalen Herausforderungen. Zu diesen gehört die Digitalisierung. Viele sprechen bereits von der vierten industriellen Revolution. Etablierte Geschäftsmodelle geraten unter Druck – auch in der Chemie. Die Digitalisierung bietet unserer Branche aber auch die Chance, betriebliche Prozesse effizienter zu machen, spezifische Kundenbedürfnisse zielgenau zu berücksichtigen und neue Geschäftsmodelle zu realisieren. Die Unternehmen bereiten sich mit Hochdruck auf das digitale Zeitalter vor. Eine zweite große Herausforderung ist der Klimaschutz: Der Klimawandel und die Notwendigkeit, Stoffe in Kreisläufen zu führen, sind im Bewusstsein der Menschen angekommen. Sie bestimmen zunehmend ihr Handeln. Nachhaltiges Wirtschaften wird von der Industrie eingefordert. Letztendlich steht die Weltwirtschaft vor der Aufgabe, Alternativen zu fossiler Energie und fossilen Rohstoffen zu entwickeln. Als energie- und rohstoffintensive Branche stellt dies eine große Herausforderung für die Chemie dar, die nur bei entsprechenden Rahmenbedingungen langfristig lösbar ist. Die dritte große Herausforderung ist ein politischer Paradigmenwechsel: Protektionistische und nationalistische Tendenzen nehmen zu. Interventionistische Industriepolitiken sind weltweit auf dem Vormarsch. Handelskriege belasten mittlerweile die internationale Arbeitsteilung. Zudem hat die europäische Integration durch den Brexit einen kräftigen Rückschlag erlitten. Das sind keine guten Voraussetzungen für die stark globalisierte Chemie- und Pharmaindustrie. Denn die Unternehmen sind ebenso auf einen freien Zugang zu den globalen Rohstoffmärkten wie zu den Kunden im Ausland angewiesen.

UMFANGREICHE INVESTITIONEN

In diesem herausfordernden Umfeld werden sich viele Industrieunternehmen strategisch neu aufstellen. Die Nachhaltigkeitsanforderungen der Politik, der Gesellschaft, der Konsumenten und des Finanzsektors an die Industrie werden immer stärker zunehmen. Zu den Kundenwünschen zählt das große Thema „Stoffkreisläufe schließen“. Die Nachfrage nach Rezyklaten sowie nach recyclingfähigen und klimaschonend hergestellten Materialien nimmt zu. Das hat weitreichende Auswirkungen auf das Chemiegeschäft. Es macht in letzter Konsequenz die Entwicklung neuer, klimaschonender Prozesstechnologien und eine Verbreiterung der Rohstoffbasis nötig. Das wird mit den althergebrachten Produktionsprozessen nicht gelingen. Um ihre Rohstoff- und Energieversorgung auf erneuerbare Ressourcen umzustellen und Kohlenstoffkreisläufe zu schließen, müssen die Produktionsverfahren umgestellt werden. Der Umbau erfordert umfangreiche Investitionen nicht nur in die Technologieentwicklung, sondern auch in den Bau neuer Produktionsanlagen. Den sich fundamental verändernden Kundenanforderungen können die Unternehmen nur gerecht werden, wenn sie verstärkt in Produkt- und Prozessinnovationen investieren und gemeinsam mit anderen Branchen individualisierte nachhaltige Lösungen entwickeln. Die Unternehmen müssen zudem in ihre digitale Infrastruktur investieren, um ihre Geschäftsprozesse effizienter zu gestalten und digitale Geschäftsmodelle zu implementieren. Auch der intensiver werdende internationale Innovationswettbewerb fordert mehr Anstrengungen. Die gesamten Zukunftsinvestitionen der Branche für Innovationen und neue Anlagen werden bis 2050 auf 36 Milliarden Euro pro Jahr steigen. Zum Vergleich: 2017 investierte die Branche „nur“ knapp 19 Milliarden Euro.

NEUE GESCHÄFTSMODELLE

Das Kerngeschäft der Chemie, die Lieferung hochwertiger Werkstoffe und Lösungen, Pharmazeutika sowie Konsumchemikalien, wird auch in Zukunft Bestand haben. Voraussetzung dafür ist, dass es der deutschen Chemieindustrie durch Ausweitung der Zukunftsinvestitionen gelingt, Technologieführer bei den Prozessinnovationen zu werden und Produktinnovationen rasch auf den Markt zu bringen. Denn innovative Lösungen aus der Chemie werden in Zukunft immer mehr gebraucht. Die Weltbevölkerung steigt bis 2050 auf knapp 10 Milliarden Menschen an. Diese wollen ernährt werden, benötigen ein Dach über dem Kopf und wollen mit zunehmendem Wohlstand auch mehr konsumieren. Zudem ziehen weltweit die Investitionen zur Senkung der Treibhausgasemissionen und zur Umstellung auf eine zirkuläre Wirtschaftsweise an. Das ist eine Chance für die deutsche Industrie, von der auch die Chemie profitieren kann. Allerdings muss sich die Branche auf ein schrumpfendes Wachstumspotenzial einstellen. Das Produktionswachstum ist bis 2050 mit 1,1 Prozent pro Jahr begrenzt. Rechnet man das dyna- mische Pharmageschäft heraus, schrumpft das Wachstum der restlichen Chemiesparten auf nur noch 0,6 Prozent pro Jahr, unter anderem weil durch verstärktes Recycling die Produktion von Basischemikalien sinkt. Neben dem Kerngeschäft bieten sich aber zusätzliche Wachstums- chancen: Es wird für die Chemieunternehmen darauf ankommen, neue Geschäftsfelder zu erschließen – zum Beispiel, indem sie mit ihrem Produkt- und Prozess-Know-how gemeinsam mit Partnern aus anderen Branchen für ihre Kunden nachhaltige, zirkuläre Geschäftsmodelle entwickeln. Neben produktbegleitenden Dienstleistungen („Chemicals as a Service“) bieten sich Chancen in der Kreislaufwirtschaft in Form von Recycling-Lösungen oder der Gewinnung von Basischemikalien aus Biomasse, Abfällen oder CO2. Wenn es den Unternehmen gelingt, solche zusätzlichen Geschäftspotenziale zu heben, kann der Branchenumsatz bis 2050 um 1,6 Prozent pro Jahr steigen.

www.vci.de
Autor: Dr. Henrik Meincke (VCI e.V.)
Grafiken: VCI e.V., Bildquelle: Shutterstock

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